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Mehrere Diagnosen können gleichzeitig richtig sein

Begleiterkrankungen bei bipolarer Störung: ADHS, Angst, Trauma, Borderline und mehr

Menschen mit bipolarer Störung können zusätzlich andere psychische oder körperliche Erkrankungen haben. Gleichzeitig überschneiden sich viele Symptome verschiedener Diagnosen: Impulsivität, Schlafprobleme, Konzentrationsstörungen, innere Unruhe oder starke Stimmungswechsel sind nicht ausschließlich bipolar.

Deshalb ist wichtig zu unterscheiden, ob eine zweite eigenständige Erkrankung vorliegt, ob Symptome Teil einer bipolaren Episode sind oder ob eine andere Diagnose die Beschwerden besser erklärt. Diese Einordnung gelingt oft erst aus dem längerfristigen Verlauf und gehört in fachliche Diagnostik.

Abstrakte Darstellung einer bipolaren Störung mit möglichen zusätzlichen psychischen und körperlichen Erkrankungen
Abstrakte Illustration: mehrere unterscheidbare Einflussbereiche und ein Verlauf über die Zeit.
Zur Einordnung
Eine zweite Diagnose macht die erste nicht automatisch falsch

ADHS, Angststörungen, Traumafolgestörungen, Suchterkrankungen oder andere psychische Erkrankungen können zusätzlich zu einer bipolaren Störung auftreten. Gleichzeitig können sich Symptome überschneiden. Eine sorgfältige Verlaufsdiagnostik hilft zu unterscheiden, was episodisch, dauerhaft, situationsabhängig oder durch andere Ursachen beeinflusst ist.

Wie eine bipolare Störung diagnostiziert wird

Kurz erklärt

Kurz erklärt: Welche Begleiterkrankungen können bei bipolarer Störung auftreten?

Bei einer bipolaren Störung können zusätzlich andere psychische und körperliche Erkrankungen bestehen. Häufig genannt werden unter anderem ADHS, Angststörungen, Zwangsstörungen, Traumafolgestörungen, Persönlichkeitsstörungen, Substanzgebrauchsstörungen, Essstörungen und Schlafstörungen. Auch körperliche Erkrankungen, etwa der Schilddrüse, gehören in die Betrachtung. Solche Diagnosen ergänzen die bipolare Erkrankung, sie widerlegen sie nicht.

Gleichzeitig überschneiden sich Symptome stark. Konzentrationsprobleme, Impulsivität, innere Unruhe oder Schlafprobleme kommen bei sehr vielen Erkrankungen vor und beweisen keine zweite Diagnose. Für die bipolare Störung ist besonders der episodische Verlauf wichtig, für ADHS dagegen der Entwicklungsverlauf seit Kindheit und Jugend. Starke Gefühlswechsel, die unmittelbar durch zwischenmenschliche Situationen ausgelöst werden, sind nicht automatisch bipolar. Ein Trauma schließt eine bipolare Störung nicht aus, und Substanzwirkungen können die Einordnung deutlich erschweren.

Zur Abklärung gehören deshalb auch körperliche Faktoren wie Schilddrüsenfunktion, Medikamentenwirkungen und andere Erkrankungen. Diagnosen dürfen sich nach längerer Beobachtung verändern, ohne dass dies rückblickend als Fehler gilt. Mehrere Erkrankungen können parallel behandelt werden; die Behandlung muss dann Prioritäten setzen und Wechselwirkungen berücksichtigen. NICE weist bei bipolarer Störung ausdrücklich darauf hin, begleitende Erkrankungen entsprechend ihrem eigenen Behandlungsbedarf fachgerecht zu berücksichtigen; die Bipolar-Leitlinie CG185 wurde zuletzt 2025 überprüft. Eine Selbstdiagnose anhand von Vergleichstabellen ist nicht möglich - die Einordnung erfolgt anhand des Gesamtverlaufs.

Was bedeutet Komorbidität - und was nicht?

Drei Begriffe werden im Alltag oft vermischt, obwohl sie Unterschiedliches beschreiben. Wer sie auseinanderhält, versteht auch besser, warum psychiatrische Diagnostik Zeit braucht.

Begleiterkrankung (Komorbidität)

Eine weitere eigenständige Erkrankung, die gleichzeitig mit der bipolaren Störung vorliegt. Beispiel: Eine Person hat eine bipolare Störung und zusätzlich eine Angststörung.

Differentialdiagnose

Eine andere Erkrankung, die ähnliche Beschwerden erklären könnte und deshalb geprüft wird. Beispiel: Starke Aktivierung und Impulsivität können unterschiedliche Ursachen haben.

Symptomüberschneidung

Dasselbe oder ein ähnlich wirkendes Symptom kommt bei mehreren Erkrankungen vor: Schlafprobleme, Konzentrationsstörungen, innere Unruhe, Impulsivität, Stimmungsschwankungen, Rückzug oder Reizbarkeit.

Fehldiagnose

Eine früher gestellte Diagnose erweist sich im Verlauf als nicht zutreffend. Eine Diagnoseänderung ist aber nicht automatisch ein ärztlicher Fehler: Manche Erkrankungen werden erst über einen längeren Verlauf unterscheidbar.

Wichtig ist auch die Gegenrichtung: Dass eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, bedeutet nicht, dass andere psychische Erkrankungen ausgeschlossen sind. Grundlagen zum Krankheitsbild stehen im Überblick Bipolare Störung verstehen und bei den Ursachen und Auslösern.

Warum überschneiden sich Symptome so stark?

Psychische Erkrankungen sind keine klar abgegrenzten Schubladen. Sie beeinflussen ähnliche Grundfunktionen: Schlaf, Antrieb, Aufmerksamkeit, Stimmung, Anspannung, Selbstwert und Impulskontrolle. Deshalb kann ein und dasselbe Beschwerdebild sehr unterschiedliche Hintergründe haben.

  • Schlafprobleme: möglich bei Depression, Manie, Angst, PTBS, Schmerzen, Substanzkonsum, Nebenwirkungen oder als eigenständige Schlafstörung.
  • Konzentrationsstörungen: möglich bei ADHS, Depression, Angst, Schlafmangel, Medikamentenwirkung oder körperlicher Erkrankung.
  • Impulsivität: möglich bei Hypomanie und Manie, ADHS, Substanzwirkung oder ausgeprägten Schwierigkeiten der Emotionsregulation.
  • Reizbarkeit: möglich bei gemischten Episoden, Depression, Angst, Erschöpfung oder Schmerzen.
  • Rückzug: möglich bei Depression, sozialer Angst, Traumafolgen, Erschöpfung oder Scham.

Genau deshalb schaut die Diagnostik nicht nur auf einzelne Symptome, sondern auf Muster über die Zeit. Wie sich Episoden zeigen, ist in Symptome und erste Anzeichen sowie im Verlauf beschrieben.

Wie wird entschieden, welches Symptom zu welcher Erkrankung gehört?

Fachpersonen arbeiten dabei mit einer Art Zeitachse. Sie sammeln Informationen darüber, wann Beschwerden begonnen haben, wie lange sie dauern, in welchem Zusammenhang sie auftreten und was zwischen den Phasen ist.

  • Alter beim erstmaligen Auftreten sowie Kindheits- und Jugendgeschichte
  • episodisch oder dauerhaft: Beginn, Dauer und Ende einzelner Episoden
  • symptomfreie beziehungsweise stabile Phasen und was dort bestehen bleibt
  • Schlafbedarf, Ausmaß der Aktivierung, Stimmung, Selbstwert und Impulsivität
  • Kontext und mögliche Auslöser, auch zwischenmenschliche
  • belastende oder traumatische Erfahrungen
  • Substanzkonsum, Medikamente und körperliche Erkrankungen
  • Familienanamnese und - mit Zustimmung - Fremdanamnese durch nahestehende Personen
  • frühere Arztberichte, Klinikbriefe und der Verlauf unter bisherigen Behandlungen

Wer diese Informationen vorbereitet mitbringt, erleichtert die Einordnung erheblich. Der Diagnostik-Kompass weiter unten ist genau dafür gedacht. Hilfreich sind außerdem Aufzeichnungen aus dem Stimmungstagebuch und die eigenen Frühwarnzeichen.

Kann ADHS zusätzlich zu einer bipolaren Störung auftreten?

Ja. Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) führt ADHS ausdrücklich als relevante Begleiterkrankung bipolarer Störungen auf.

ADHS ist eine neuroentwicklungsbezogene Erkrankung. Charakteristisch sind:

  • Beginn bereits in der Kindheit beziehungsweise in der Entwicklung
  • anhaltende Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulsivität und/oder Hyperaktivität
  • Beschwerden in mehreren Lebensbereichen, nicht nur in einer Situation
  • ein möglicher Verlauf bis ins Erwachsenenalter

Das Bundesgesundheitsportal gesund.bund.de beschreibt ADHS als Erkrankung, die in der Kindheit beginnt und häufig bis ins Erwachsenenalter fortbesteht. Prävalenzangaben aus älteren Materialien werden auf dieser Seite bewusst nicht prominent übernommen, weil sie stark schwanken und regelmäßig neu bewertet werden.

Warum werden ADHS und Hypomanie oder Manie manchmal verwechselt?

Weil sich das äußere Bild ähneln kann. Ähnlich wirken können unter anderem Ablenkbarkeit, hohe Aktivität, schnelle Sprache, viele Gedanken, Impulsivität, Ungeduld, Organisationsprobleme, innere Unruhe, Schlafprobleme und riskante Entscheidungen.

Eher diagnostisch relevant für ADHS

  • Beginn bereits in der Entwicklung beziehungsweise Kindheit
  • längerfristige, situationsübergreifende Symptomatik
  • Aufmerksamkeit und Organisation sind auch außerhalb klarer Stimmungsepisoden beeinträchtigt

Eher relevant für bipolare Aktivierung

  • klarer episodischer Wechsel gegenüber dem persönlichen Ausgangsniveau
  • deutliche Veränderung von Stimmung und Aktivität über einen zusammenhängenden Zeitraum
  • vermindertes Schlafbedürfnis
  • episodisch gesteigertes Selbstvertrauen oder Größenideen
  • phasenhafter Beginn und Rückgang

Einzelne Merkmale reichen nicht zur Diagnose oder zum Ausschluss einer Erkrankung. Diese Gegenüberstellung ist eine fachliche Orientierung, kein Test und keine Auswertung.

Diese Gegenüberstellung ist bewusst keine Häkchenliste. Kein einzelnes Merkmal beweist eine Diagnose: ADHS kann Schwankungen zeigen, eine bipolare Störung kann Restsymptome zwischen Episoden hinterlassen, und beide Erkrankungen können gemeinsam vorliegen. Wie sich Hochphasen unterscheiden, steht bei Hypomanie und Manie.

Was ändert sich, wenn ADHS und bipolare Störung gleichzeitig vorliegen?

  • Beide Erkrankungen brauchen eine eigene fachliche Beurteilung; eine Diagnose ersetzt die andere nicht.
  • Symptome können sich gegenseitig verstärken, etwa Schlafmangel und Reizoffenheit.
  • Die Behandlung wird psychiatrisch koordiniert statt parallel und unabhängig geplant.
  • Wirkungen von Medikamenten auf Aktivierung, Schlaf und Stimmung werden mitbedacht.
  • Stimmungsstabilität ist bei der Therapieplanung ein zentraler Bezugspunkt.

Zum Leitlinienstand: Die deutsche ADHS-S3-Leitlinie befindet sich 2026 in Aktualisierung, im Mai 2026 wurde eine Konsultationsfassung ausgewiesen. Aussagen zum aktuellen Behandlungsstandard sollten deshalb am jeweils gültigen AWMF-Stand geprüft werden.

Können Angststörungen zusätzlich auftreten?

Ja. Zu den wichtigsten Formen gehören die generalisierte Angststörung, die Panikstörung und die soziale Angststörung; spezifische Phobien treten ebenfalls auf, spielen im bipolaren Kontext aber meist eine kleinere Rolle.

Angst kann außerdem in ganz anderen Zusammenhängen auftreten:

  • innerhalb einer depressiven Episode
  • während gemischter Episoden mit Unruhe und Anspannung
  • bei psychotischen Beschwerden
  • als Medikamentennebenwirkung, etwa bei innerer Unruhe
  • bei Substanzkonsum oder im Entzug
  • bei körperlichen Erkrankungen, etwa der Schilddrüse

Deshalb gilt: „Ich habe Angst“ ist noch keine Angststörungsdiagnose. Liegt eine Angststörung vor, wird sie nach ihrer eigenen Leitlinie behandelt. Die AWMF führt dazu eine S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen; ihr Versionsstatus sollte jeweils geprüft werden. Wie gemischte Zustände aussehen können, steht unter Gemischte Episoden.

Wie unterscheiden sich Panik, soziale Angst und bipolare Symptome?

  • Panik: plötzlich einsetzende starke Angst mit ausgeprägten körperlichen Symptomen und der Befürchtung unmittelbarer Gefahr.
  • Soziale Angst: ausgeprägte Angst vor negativer Bewertung oder vor bestimmten sozialen Situationen.
  • Bipolare Aktivierung: nicht primär durch Angst definiert, kann aber Angst, Anspannung oder Gereiztheit enthalten.
  • Depression: sozialer Rückzug kommt häufig vor, beweist aber für sich genommen keine soziale Angst.

Auch hier gibt es bewusst keine Tabelle mit automatischem Ergebnis. Entscheidend ist, was die Angst auslöst, wie lange sie anhält und ob sie unabhängig von Stimmungsepisoden besteht.

Kann eine Zwangsstörung zusätzlich vorliegen?

Ja. Eine Zwangsstörung ist durch wiederkehrende Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen gekennzeichnet; Betroffene erleben dabei häufig erheblichen Leidensdruck und einen großen Zeitaufwand.

  • Grübeln in einer Depression ist nicht automatisch ein Zwang.
  • Intensive Beschäftigung mit Projekten während einer Manie ist kein automatischer Zwang.
  • Kontrollverhalten aus Angst kann sehr unterschiedliche Ursachen haben.

Für Zwangsstörungen besteht eine eigene deutsche S3-Leitlinie; ihr aktueller AWMF-Status sollte vor der Übernahme von Aussagen geprüft werden.

Kann eine PTBS zusammen mit einer bipolaren Störung auftreten?

Ja. Die PTBS ist eine eigenständige Erkrankung mit definierten Kriterien. Dazu gehören auf hoher Ebene:

  • eine traumatische Erfahrung als notwendiger Kontext
  • Wiedererleben, etwa in Form aufdrängender Erinnerungen
  • Vermeidung von Erinnerungen, Orten oder Situationen
  • anhaltendes Bedrohungsgefühl beziehungsweise Übererregung
  • je nach diagnostischem System weitere Veränderungen des Erlebens

Nicht sachgerecht wäre, aus Symptomen rückwärts ein Trauma zu konstruieren, jede schwierige Kindheit als PTBS zu deuten oder eine bipolare Erkrankung pauschal als reine Traumareaktion darzustellen. Seit Februar 2026 liegt eine aktualisierte deutsche S3-Leitlinie zur posttraumatischen Belastungsstörung vor.

Komplexe traumabezogene Beschwerden werden in der Fachwelt gesondert beschrieben. Ob sie vorliegen, ist eine diagnostische Frage und keine Selbsteinschätzung anhand von Symptomlisten im Internet.

Wie können Trauma und bipolare Episoden unterschieden werden?

Überschneiden können sich unter anderem Schlafstörungen, Gereiztheit, starke emotionale Reaktionen, Konzentrationsprobleme, erhöhte Wachsamkeit, Vermeidung beziehungsweise Rückzug und Substanzkonsum.

Bei bipolarer Störung besonders relevant

  • klar abgegrenzte manische, hypomanische oder depressive Episoden
  • deutliche Veränderungen von Aktivität, Stimmung und Schlafbedarf
  • Episoden können ohne unmittelbaren äußeren Auslöser beginnen

Bei PTBS besonders relevant

  • Zusammenhang mit einer traumatischen Erfahrung
  • charakteristische traumabezogene Beschwerden wie Wiedererleben und Vermeidung
  • anhaltendes Bedrohungserleben, oft an Erinnerungsreize gebunden

Einzelne Merkmale reichen nicht zur Diagnose oder zum Ausschluss einer Erkrankung. Diese Gegenüberstellung ist eine fachliche Orientierung, kein Test und keine Auswertung.

Beides kann gleichzeitig bestehen. Die Aussage „Wenn ein Trauma vorliegt, ist Bipolarität ausgeschlossen“ ist fachlich nicht haltbar. Wie Entstehung heute verstanden wird, steht unter Ursachen und Auslöser.

Kann eine Borderline-Persönlichkeitsstörung gleichzeitig bestehen?

Ja. Die BPS und die bipolare Störung sind unterschiedliche Erkrankungen, die sich nicht grundsätzlich gegenseitig ausschließen.

Bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung können unter anderem relevant sein:

  • längerfristige Schwierigkeiten der Emotionsregulation
  • instabile Beziehungsmuster
  • ein instabiles Selbstbild
  • bei manchen Betroffenen ausgeprägte Angst vor dem Verlassenwerden
  • Impulsivität
  • bei manchen Betroffenen selbstverletzendes Verhalten
  • bei manchen Betroffenen ein chronisches Gefühl innerer Leere

Zum Leitlinienstand: Die deutsche S3-Leitlinie zur Borderline-Persönlichkeitsstörung war bis Mai 2026 angegeben; seit Juni 2026 ist ihre Überarbeitung registriert. Aussagen zum Behandlungsstandard sollten deshalb am aktuellen AWMF-Stand geprüft werden.

Warum werden Borderline und bipolare Störung manchmal verwechselt?

Überschneiden können sich Stimmungsschwankungen, Impulsivität, Gereiztheit, Konflikte, Selbstschädigung, Suizidalität und die Intensität von Gefühlen.

Bipolare Episoden

  • dauern typischerweise länger als einzelne situationsgebundene emotionale Reaktionen
  • verändern Stimmung, Aktivität, Schlaf und Verhalten über einen zusammenhängenden Zeitraum
  • können ohne unmittelbaren zwischenmenschlichen Auslöser auftreten

Borderline-Muster

  • emotionale Veränderungen reagieren oft stärker und unmittelbarer auf zwischenmenschliche oder innere Auslöser
  • Schwierigkeiten betreffen über längere Zeit Emotionsregulation, Beziehungen und Selbstbild
  • die Beschwerden sind nicht an abgrenzbare Episoden gebunden

Einzelne Merkmale reichen nicht zur Diagnose oder zum Ausschluss einer Erkrankung. Diese Gegenüberstellung ist eine fachliche Orientierung, kein Test und keine Auswertung.

Diese Gegenüberstellung ist vereinfacht. Borderline-Beschwerden können länger anhalten, bipolare Episoden können durch Belastungen beeinflusst werden, und beide Diagnosen können gleichzeitig vorliegen. Eine Faustregel wie „Stunden bedeutet Borderline, Tage bedeutet bipolar“ ist als Diagnoseregel nicht geeignet.

Was passiert, wenn beide Erkrankungen diagnostiziert sind?

  • Keine der beiden Diagnosen muss automatisch gestrichen werden.
  • Die Behandlung kann unterschiedliche Ziele verfolgen und wird priorisiert.
  • Eine Phasenprophylaxe behandelt nicht automatisch alle Borderline-bezogenen Beschwerden.
  • Störungsspezifische Psychotherapie kann zusätzlich relevant sein.
  • Suizidalität und Selbstverletzung brauchen eine individuelle Sicherheitsplanung.
  • Für Persönlichkeitsstruktur selbst gibt es keine pauschale medikamentöse Behandlung.

Eine persönliche Sicherheitsplanung lässt sich gut mit dem Krisenplan vorbereiten und mit der Behandlung abstimmen.

Weitere Persönlichkeitsstörungen: ein kurzer Überblick

  • Persönlichkeitsdiagnostik bezieht längerfristige Muster über Jahre ein, nicht das Verhalten in einer Krise.
  • Akutphasen können die Beurteilung der Persönlichkeit erheblich verzerren.
  • Eine Persönlichkeitsdiagnose sollte nicht allein während einer schweren Manie oder Depression gestellt werden.
  • Eigenheiten, Temperament und Bewältigungsstile sind keine Krankheit.

Eine vollständige Aufzählung aller Persönlichkeitsstörungen ist hier bewusst nicht vorgesehen; sie hätte für die Einordnung im bipolaren Kontext wenig praktischen Nutzen.

Warum sind Alkohol und andere Substanzen diagnostisch besonders relevant?

Substanzen wirken auf genau die Bereiche, die auch bei der bipolaren Diagnostik betrachtet werden: Schlaf, Stimmung, Aktivität, Angst, Wahrnehmung, Impulsivität und Konzentration. Psychotische Zustände können ebenfalls substanzbezogen auftreten.

Dadurch wird die Trennung schwieriger zwischen:

  • akuter Intoxikation
  • Entzugszuständen
  • einer substanzinduzierten Störung
  • einer bipolaren Episode
  • einer zusätzlichen Suchterkrankung

Bei gleichzeitig schwerer psychischer Erkrankung und Substanzproblemen empfiehlt NICE eine koordinierte Versorgung, die beide Problembereiche berücksichtigt - nicht ein Nacheinander, bei dem eine Seite wartet. Ausführlich und ohne Moral behandelt das die Seite Alkohol und andere Substanzen.

Können Essstörungen zusätzlich auftreten?

Ja. Als zentrale Beispiele werden hier Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und die Binge-Eating-Störung genannt. Sie sind eigenständige Erkrankungen mit eigener fachlicher Behandlung.

  • Gewicht oder Essverhalten allein beweisen keine Essstörung.
  • Ein medikamentenbedingter Appetitanstieg ist keine Binge-Eating-Diagnose.
  • Appetitverlust während einer Depression ist keine Anorexia nervosa.
  • Gewichtsstigma ist weder hilfreich noch fachlich begründbar.
  • Körperliche Sicherheit hat bei ausgeprägten Essstörungen Vorrang.

Die AWMF führt eine eigene S3-Leitlinie zu Essstörungen; Versions- und Gültigkeitsstatus sind jeweils zu prüfen. Zu Gewicht, Stoffwechsel und Kontrollen ohne Stigma informiert Körperliche Gesundheit.

Wann ist ein Schlafproblem Symptom und wann eine eigene Schlafstörung?

Schlafprobleme können sehr unterschiedliche Hintergründe haben. Sie können:

  • Teil einer depressiven Episode sein
  • Teil einer Manie oder Hypomanie sein
  • durch Angst oder Anspannung entstehen
  • durch Substanzen oder Entzug entstehen
  • Nebenwirkung eines Medikaments sein
  • eine körperliche Ursache haben, etwa eine Schlafapnoe
  • als eigenständige Schlafstörung bestehen

Schlaflosigkeit

  • Die Person möchte schlafen, kann aber nicht ausreichend schlafen.
  • Häufig folgen Erschöpfung und Tagesmüdigkeit.

Vermindertes Schlafbedürfnis bei Aktivierung

  • Die Person schläft deutlich weniger und fühlt sich zunächst trotzdem ungewöhnlich leistungsfähig.
  • Das Ausbleiben von Müdigkeit ist hier das Auffällige.

Einzelne Merkmale reichen nicht zur Diagnose oder zum Ausschluss einer Erkrankung. Diese Gegenüberstellung ist eine fachliche Orientierung, kein Test und keine Auswertung.

Eine Diagnose allein über die Schlafdauer ist nicht möglich. Vertiefend: Schlaf und Tagesrhythmus.

Kann eine Autismus-Spektrum-Störung zusätzlich bestehen?

Ja, und die Einordnung sollte vorsichtig erfolgen. Eine Autismus-Spektrum-Störung ist neuroentwicklungsbezogen und zeigt sich unter anderem in Besonderheiten sozialer Kommunikation und Interaktion sowie in eingeschränkten beziehungsweise repetitiven Verhaltens- und Interessenmustern entsprechend den diagnostischen Kriterien. Der Beginn liegt in der Entwicklung; Anpassungsleistungen (Masking) können dazu führen, dass eine Diagnose erst spät gestellt wird.

Einzelne intensive Interessen, soziale Erschöpfung oder Reizempfindlichkeit beweisen keinen Autismus. Eine Online-Selbsteinschätzung ist dafür nicht geeignet. Der aktuelle AWMF-Leitlinienstatus zur Autismusdiagnostik sollte jeweils geprüft werden.

Warum können Konzentrationsprobleme viele Ursachen haben?

Infrage kommen unter anderem:

  • eine depressive Episode
  • Manie beziehungsweise starke Aktivierung
  • ADHS
  • Schlafmangel oder eine Schlafstörung
  • Medikamentenwirkungen
  • Angst und Anspannung
  • Substanzkonsum
  • körperliche Erkrankungen, Schmerzen oder Erschöpfung nach einer Episode
  • Stress, Alter oder neurologische Erkrankungen

„Ich kann mich schlecht konzentrieren“ bedeutet also nicht automatisch ADHS. Gleichzeitig darf eine anhaltende Konzentrationsproblematik, die auch außerhalb von Episoden besteht, diagnostisch ernst genommen werden - sie einfach der bipolaren Störung zuzuschreiben, wäre zu kurz gegriffen.

Ist eine unipolare Depression eine Begleiterkrankung der bipolaren Störung?

Hier lohnt sich Genauigkeit. Eine depressive Episode ist Bestandteil bipolarer Erkrankungen. Eine unipolare depressive Störung und eine bipolare Störung sind dagegen unterschiedliche diagnostische Einordnungen desselben affektiven Verlaufs.

Der Satz „Ich habe eine bipolare Störung und zusätzlich eine unipolare Depression“ ist deshalb fachlich nicht schlüssig. Entscheidend ist die lebenslange Episodenhistorie: Ob jemals eine Manie oder Hypomanie aufgetreten ist, verändert die Einordnung grundlegend.

Viele bipolare Erkrankungen werden zunächst während einer depressiven Episode erkannt. Eine frühere Depressionsdiagnose kann sich deshalb später verändern. Weiterlesen: Bipolare Depression, Diagnose und Verlauf.

Wie werden Bipolarität, Schizophrenie und schizoaffektive Störung unterschieden?

  • Psychotische Symptome können bei schwerer manischer oder depressiver Episode auftreten.
  • Psychose bedeutet deshalb nicht automatisch Schizophrenie.
  • Diagnostisch wichtig ist der zeitliche Zusammenhang zwischen Stimmungsepisoden und psychotischen Symptomen.
  • Die schizoaffektive Störung besitzt eigene diagnostische Kriterien.
  • Manchmal ist eine längere Verlaufsbeobachtung notwendig, bevor die Einordnung sicher ist.

Die deutsche S3-Leitlinie Schizophrenie wurde 2026 aktualisiert. Eine Selbstdiagnose ist in diesem Bereich besonders wenig aussagekräftig. Wie sich schwere Episoden zeigen können, steht unter Manie und Formen bipolarer Störungen.

Wann können Symptome durch Substanzen entstehen?

Alkohol, Cannabis, Stimulanzien, psychedelische Substanzen, bestimmte Medikamente und Entzugszustände können psychische Symptome auslösen oder verstärken - darunter Aktivierung, depressive Zustände, Psychose, Angst, Schlafstörungen und Verwirrtheit.

Diagnostisch wird deshalb auf den Zeitverlauf geschaut:

  • zeitlicher Zusammenhang zwischen Konsum und Symptombeginn
  • Konsumphasen und deren Intensität
  • konsumfreie Phasen und was dort bestehen bleibt
  • frühere Episoden, die unabhängig von Substanzkonsum aufgetreten sind

Diese Seite enthält bewusst keine Konsumhinweise. Sachliche Informationen zu Risiken und Wechselwirkungen stehen unter Alkohol und andere Substanzen.

Können Nebenwirkungen wie eine zweite Erkrankung wirken?

Teilweise ja. Beschwerden, die leicht als eigene Erkrankung gedeutet werden, sind etwa:

  • innere Unruhe und Bewegungsdrang
  • Müdigkeit und Antriebsminderung
  • Konzentrationsprobleme
  • Zittern und andere Bewegungsbeschwerden
  • Gewichtszunahme
  • sexuelle Funktionsveränderungen
  • Schlafprobleme

Umgekehrt sollten nicht alle Symptome automatisch den Medikamenten zugeschrieben werden. Eine körperliche und psychiatrische Abklärung bleibt wichtig, und Medikamente sollten nicht eigenständig verändert werden. Mehr dazu: Medikamente und Körperliche Gesundheit.

Welche körperlichen Erkrankungen können psychische Symptome beeinflussen?

Besonders bekannt ist die Schilddrüse. Funktionsstörungen können sich mit Beschwerden zeigen, die auch psychiatrisch relevant sind:

  • Müdigkeit und verminderter Antrieb
  • innere Unruhe und Herzklopfen
  • Gewichtsveränderungen
  • Schlafveränderungen
  • Konzentrationsprobleme
  • Stimmungsveränderungen

Welche Kontrollen im Verlauf sinnvoll sein können, beschreibt Körperliche Gesundheit bei bipolarer Störung.

Weitere körperliche Erkrankungen im Überblick

  • Diabetes und andere Stoffwechselerkrankungen
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • neurologische Erkrankungen
  • hormonelle Erkrankungen
  • Schlafapnoe
  • chronisch-entzündliche Erkrankungen
  • Infektionen
  • Mangelzustände, sofern medizinisch tatsächlich relevant

Diese Erkrankungen verursachen nicht typischerweise eine bipolare Störung. Sie können aber psychische Beschwerden beeinflussen, die Behandlung komplizieren oder unabhängig davon zusätzlich bestehen. Deshalb gehören sie in die Gesamtbetrachtung - und in eine gute Zusammenarbeit zwischen Hausarztpraxis und psychiatrischer Behandlung.

Wie können chronische Schmerzen und bipolare Störung zusammenwirken?

Chronische Schmerzen beeinflussen Schlaf, Aktivität, Stimmung und soziale Teilhabe. Sie können die Belastbarkeit senken und die Behandlung erschweren, etwa wenn Schmerzmittel eigene Risiken mitbringen oder Substanzprobleme begünstigen können.

  • Schmerzen dürfen nicht als psychisch abgetan werden.
  • Psychische Belastung kann Schmerz beeinflussen, ohne ihn „eingebildet“ zu machen.
  • Schmerztherapie und psychiatrische Behandlung sollten sich abstimmen.
  • Körperliche Einschränkungen brauchen realistische Alltagsplanung statt Leistungsdruck.

Welche Erkrankung wird zuerst behandelt?

Eine starre Reihenfolge gibt es nicht. Die Priorität kann unter anderem abhängen von:

  • akuter Gefahr für die eigene oder eine andere Person
  • der schwersten aktuellen Beeinträchtigung
  • einer akuten Manie oder Psychose
  • Suizidalität
  • einem gefährlichen Entzug
  • körperlicher Gefährdung
  • Wechselwirkungen zwischen den Behandlungen
  • langfristigen Zielen wie Arbeit, Studium oder Beziehungen

Ein Beispiel: Eine akute schwere Manie kann zunächst dringlicher sein als die langfristige Optimierung einer ADHS-Behandlung. Danach darf die weniger akute Erkrankung aber nicht vergessen werden. Wege in die Versorgung beschreibt Hilfe finden; stationäre Optionen erklärt Klinikaufenthalt und rehabilitative Wege Reha.

Warum wird die Medikamentenplanung bei mehreren Erkrankungen komplizierter?

  • Ein Medikament kann mehrere Beschwerdebereiche gleichzeitig beeinflussen.
  • Die Behandlung einer Erkrankung kann Symptome einer anderen verändern.
  • Aktivierungsrisiken und Sedierung müssen abgewogen werden.
  • Wechselwirkungen zwischen mehreren Präparaten nehmen zu.
  • Körperliche Nebenwirkungen, Substanzkonsum, Schwangerschaft sowie Nieren- und Leberfunktion spielen mit hinein.

Wie wird Psychotherapie bei mehreren Diagnosen geplant?

  • Therapieziele werden priorisiert statt alles gleichzeitig zu bearbeiten.
  • Akute Stabilität kommt vor konfrontativen Verfahren.
  • Störungsspezifische Verfahren können kombiniert oder nacheinander eingesetzt werden.
  • Eine Traumabearbeitung beginnt in der Regel nicht während akuter Instabilität.
  • ADHS-bezogene Strategien verfolgen andere Ziele als bipolare Psychoedukation.
  • Borderline-spezifische Therapie kann zusätzlich relevant sein.
  • Angstbehandlung erfolgt entsprechend der eigenen Diagnose.

Eine Universalmethode für alles gibt es nicht. Wie Verfahren und Antragswege funktionieren, steht unter Psychotherapie; die Wissensvermittlung zur Erkrankung selbst behandelt Psychoedukation. Austausch mit anderen Betroffenen bietet die Selbsthilfe. Wie sich Rückfälle vorbeugen lassen, beschreibt Rückfällen vorbeugen. Für nahestehende Personen gibt es den Bereich Für Angehörige.

Warum ändern sich psychiatrische Diagnosen - und wann hilft eine zweite Meinung?

Gründe für eine veränderte diagnostische Einordnung können sein:

  • neue Episoden, die vorher nicht bekannt waren
  • ein längerer Beobachtungszeitraum
  • zusätzliche Informationen aus Kindheit und Jugend
  • bekannt gewordener Substanzkonsum
  • eine entdeckte körperliche Ursache
  • erkannte Medikamenteneffekte
  • frühere Dokumentation, die erst später vorliegt
  • genauere spezialisierte Diagnostik oder veränderte diagnostische Kriterien

Eine Diagnoseänderung bedeutet nicht, dass jemand gelogen hat, dass die frühere Behandlung unfähig war oder dass die aktuelle Diagnose für immer feststeht. Psychiatrische Diagnostik ist in weiten Teilen verlaufsorientiert.

Wann eine zweite fachliche Einschätzung sinnvoll sein kann

  • mehrere widersprüchliche Diagnosen in den Unterlagen
  • eine Behandlung, die dauerhaft nicht zum Verlauf passt
  • unklare manische oder hypomanische Vorgeschichte
  • Verdacht auf ADHS
  • Unklarheit zwischen Borderline und bipolarer Störung
  • psychotische Symptome in der Vorgeschichte
  • eine komplexe Medikamentensituation
  • wiederholte Klinikaufenthalte oder ein ungewöhnlicher Verlauf

Eine zweite Meinung ist legitim und nicht automatisch „Diagnose-Shopping“. Hilfreich sind vollständige Unterlagen und eine sorgfältige Verlaufsschilderung. Eine andere Diagnose muss dabei nicht herauskommen. Wege zu Fachstellen: Hilfe finden.

Druckvorlage

Mein Überblick für ein diagnostisches Gespräch

Diese Übersicht dient der Vorbereitung eines fachlichen Gesprächs. Sie stellt keine Diagnose, bestätigt keine Begleiterkrankung und entscheidet nicht zwischen unterschiedlichen psychiatrischen Diagnosen. Es gibt keine Auswertung und keine Punktzahl.

Hinweis zum Datenschutz: Es werden keine Angaben gespeichert oder übertragen. Die Vorlage wird ausschließlich lokal gedruckt oder abgeschrieben.

A

Welche Diagnosen wurden bisher genannt?

Nur notieren, was tatsächlich gesagt oder dokumentiert wurde.

B

Welche Beschwerden bestehen dauerhaft?

Was unabhängig von Phasen fast immer da ist.

C

Welche Beschwerden treten in klaren Phasen auf?

Was kommt und geht, mit ungefährem Zeitraum.

D

Seit wann kenne ich die Beschwerden?

  • Kindheit
  • Jugend
  • Erwachsenenalter
  • erst seit einer bestimmten Episode
  • unklar
E

Was verändert sich während einer Episode?

  • Schlaf
  • Stimmung
  • Aktivität
  • Denken
  • Impulsivität
  • Kontakte
  • Arbeit oder Studium
  • weitere Veränderung
F

Was besteht auch in stabilen Phasen?

Gerade das ist für die Einordnung besonders wichtig.

G

Weitere relevante Faktoren

  • belastende oder traumatische Erfahrungen
  • Alkohol oder andere Substanzen
  • Medikamente
  • körperliche Erkrankung
  • Schlafstörung
  • chronischer Schmerz
  • andere Belastung
H

Welche Behandlungen habe ich erlebt?

Was hat geholfen, was nicht, was wurde abgebrochen?

I

Welche Frage möchte ich fachlich klären?

Zum Beispiel: Gehören meine Konzentrationsprobleme zu Episoden oder bestehen sie unabhängig? Bestehen mehrere Erkrankungen? Welche Diagnose erklärt welche Beschwerden? Welche Unterlagen wären hilfreich?

J

Nächster Schritt

Wer wird kontaktiert, bis wann, und wer erinnert daran?

Mehrere Diagnosen ändern nichts daran, dass akute Krisen schnell behandelt werden müssen

Bei konkreten Suizidplänen, unmittelbarer Selbst- oder Fremdgefährdung, schwerem Realitätsverlust, ausgeprägter Manie, starker gemischter Aktivierung, schwerer Intoxikation oder gefährlichem Entzug ist schnelle professionelle Hilfe wichtiger als die genaue diagnostische Zuordnung.

Hilfe in der Krise

Häufige Fragen zu Begleiterkrankungen bei bipolarer Störung

Was bedeutet Komorbidität?

Komorbidität bedeutet, dass neben einer Erkrankung eine weitere eigenständige Erkrankung gleichzeitig vorliegt. Beide behalten ihre eigene diagnostische Bedeutung und ihren eigenen Behandlungsbedarf.

Kann man mehrere psychische Diagnosen gleichzeitig haben?

Ja. Mehrere korrekt gestellte Diagnosen können gleichzeitig bestehen. Das ist kein Widerspruch und bedeutet nicht, dass eine davon falsch sein muss.

Bedeutet eine zweite Diagnose, dass die bipolare Störung falsch diagnostiziert wurde?

Nein. Eine zusätzliche Diagnose und eine Fehldiagnose sind unterschiedliche Dinge. Eine weitere Erkrankung ergänzt das Bild, sie ersetzt die erste Diagnose nicht automatisch.

Warum überschneiden sich psychiatrische Symptome so stark?

Viele psychische Erkrankungen beeinflussen ähnliche Bereiche: Schlaf, Konzentration, Stimmung, Aktivität, Anspannung und Impulsivität. Ein einzelnes Symptom ist deshalb selten für eine Diagnose kennzeichnend.

Kann man ADHS und Bipolarität gleichzeitig haben?

Ja. ADHS kann zusätzlich zu einer bipolaren Störung auftreten. Die DGBS führt ADHS als relevante Begleiterkrankung bipolarer Störungen auf.

Was ist der wichtigste Unterschied zwischen ADHS und bipolarer Störung?

ADHS besteht typischerweise bereits seit der Entwicklung beziehungsweise Kindheit und wirkt situationsübergreifend, während bipolare Aktivierung in abgegrenzten Episoden auftritt. Diese vereinfachte Unterscheidung ersetzt keine Diagnostik.

Bedeutet eine Konzentrationsstörung automatisch ADHS?

Nein. Konzentrationsprobleme können unter anderem bei Depression, Manie, Schlafmangel, Angst, Substanzkonsum, Medikamenten oder körperlichen Erkrankungen auftreten.

Kann ADHS erst im Erwachsenenalter entstehen?

ADHS ist eine neuroentwicklungsbezogene Erkrankung mit Symptombeginn in der Entwicklung. Die Diagnose kann jedoch erst im Erwachsenenalter gestellt werden, etwa wenn Belastungen im Beruf oder Studium zunehmen.

Kann man Borderline und bipolar gleichzeitig haben?

Ja. Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung und eine bipolare Störung schließen sich nicht grundsätzlich gegenseitig aus.

Was ist der Unterschied zwischen Borderline und bipolarer Störung?

Bipolare Störungen sind durch klarer abgrenzbare affektive Episoden charakterisiert. Bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung stehen längerfristige Schwierigkeiten unter anderem in Emotionsregulation, Beziehungen und Selbstbild im Mittelpunkt. Die diagnostische Trennung ist komplex und braucht den Gesamtverlauf.

Sind schnelle Stimmungsschwankungen automatisch Borderline?

Nein. Rasche emotionale Wechsel kommen bei vielen Zuständen vor und beweisen keine Persönlichkeitsstörung.

Sind Stimmungsschwankungen automatisch bipolar?

Nein. Stimmungsschwankungen sind sehr unspezifisch. Für eine bipolare Diagnose sind Art, Dauer und Ausprägung von Episoden entscheidend.

Bedeutet Selbstverletzung automatisch Borderline?

Nein. Selbstverletzendes Verhalten kann in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen auftreten und ist kein Diagnosebeweis.

Kann eine Angststörung zusätzlich bestehen?

Ja. Angst kann eine eigenständige Erkrankung sein oder im Rahmen anderer psychischer Zustände, körperlicher Erkrankungen, Substanzwirkungen oder Nebenwirkungen auftreten.

Ist Angst während einer Depression automatisch eine Angststörung?

Nein. Angst und Anspannung können Bestandteil einer depressiven oder gemischten Episode sein, ohne dass eine eigene Angststörung vorliegt.

Kann man eine PTBS und eine bipolare Störung gleichzeitig haben?

Ja. Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann zusätzlich zu einer bipolaren Störung bestehen.

Bedeutet ein Trauma, dass die bipolare Diagnose falsch ist?

Nein. Trauma und bipolare Störung schließen sich nicht gegenseitig aus. Belastende Erfahrungen erklären nicht automatisch alle Beschwerden.

Verursacht ein Trauma eine bipolare Störung?

Eine bipolare Störung lässt sich nicht auf eine einzelne traumatische Ursache reduzieren. Die Entstehung wird als multifaktoriell verstanden.

Was ist eine PTBS?

Eine eigenständige traumabezogene psychische Erkrankung mit definierten diagnostischen Kriterien, unter anderem Wiedererleben, Vermeidung und anhaltendem Bedrohungserleben. Für Deutschland liegt seit Februar 2026 eine aktualisierte S3-Leitlinie vor.

Können Zwangsstörungen gleichzeitig auftreten?

Ja. Eine Zwangsstörung kann zusätzlich bestehen und braucht dann eine eigene fachliche Behandlung.

Ist depressives Grübeln dasselbe wie Zwangsgedanken?

Nicht automatisch. Grübeln in einer depressiven Episode und Zwangsgedanken unterscheiden sich in Erleben, Funktion und Verlauf. Die Abgrenzung gehört in die Fachdiagnostik.

Kann eine Suchterkrankung gleichzeitig mit bipolarer Störung behandelt werden?

Ja. NICE empfiehlt bei schwerer psychischer Erkrankung und Substanzproblemen eine koordinierte Versorgung, die beide Bereiche berücksichtigt.

Muss ich erst abstinent sein, bevor eine bipolare Behandlung möglich ist?

Eine solche allgemeine Voraussetzung ist nicht sachgerecht. Beide Problembereiche können gleichzeitig behandlungsbedürftig sein.

Können Substanzen wie eine Manie wirken?

Bestimmte psychoaktive Substanzen können Aktivierung, Schlaf, Impulsivität oder Wahrnehmung stark verändern und die diagnostische Einordnung deutlich erschweren.

Kann eine Essstörung zusätzlich bestehen?

Ja. Essstörungen können zusätzlich auftreten und benötigen eine eigene, spezialisierte Behandlung.

Ist Gewichtszunahme durch Medikamente eine Essstörung?

Nein. Ein medikamentenbedingter Appetit- oder Gewichtsanstieg ist keine Essstörungsdiagnose.

Sind Schlafprobleme eine eigene Erkrankung?

Sie können eine eigenständige Schlafstörung sein, aber auch Symptom einer bipolaren Episode, einer Angststörung, einer körperlichen Erkrankung, einer Substanzwirkung oder einer Nebenwirkung.

Was ist der Unterschied zwischen Schlaflosigkeit und vermindertem Schlafbedürfnis?

Bei Schlaflosigkeit möchte eine Person schlafen und kann es nicht. Bei vermindertem Schlafbedürfnis schläft sie deutlich weniger und fühlt sich zunächst trotzdem ungewöhnlich leistungsfähig. Das ist diagnostisch ein wichtiger Unterschied.

Kann Autismus zusammen mit Bipolarität auftreten?

Ja. Eine Autismus-Spektrum-Störung und eine bipolare Störung schließen sich nicht grundsätzlich aus.

Ist starke Begeisterung für ein Thema Autismus?

Nein. Intensive Interessen, soziale Erschöpfung oder Reizempfindlichkeit beweisen keinen Autismus.

Ist eine bipolare Depression dasselbe wie eine unipolare Depression?

Die depressive Episode kann ähnlich aussehen. Die diagnostische Einordnung unterscheidet sich jedoch anhand des gesamten affektiven Verlaufs, insbesondere danach, ob jemals eine Manie oder Hypomanie aufgetreten ist.

Kann eine Person bipolar und unipolar depressiv zugleich sein?

Eine unipolare depressive Störung und eine bipolare Störung sind unterschiedliche Verlaufsdiagnosen. Depressive Episoden selbst gehören zur bipolaren Erkrankung dazu.

Bedeutet Psychose automatisch Schizophrenie?

Nein. Psychotische Symptome können auch bei schweren manischen oder depressiven Episoden auftreten.

Was ist eine schizoaffektive Störung?

Eine eigenständige psychiatrische Diagnose, deren Abgrenzung unter anderem den zeitlichen Zusammenhang zwischen affektiven und psychotischen Symptomen berücksichtigt.

Können Schilddrüsenprobleme psychische Symptome verursachen?

Schilddrüsenfunktionsstörungen können unter anderem Energie, Antrieb, Schlaf und Stimmung beeinflussen und gehören bei entsprechender Symptomatik zur medizinischen Abklärung.

Können Medikamente wie eine zusätzliche psychische Erkrankung wirken?

Nebenwirkungen wie innere Unruhe, Müdigkeit oder Konzentrationsprobleme können sich mit psychiatrischen Symptomen überschneiden. Eine fachliche Einordnung ist notwendig, eigenständige Änderungen der Medikation sind es nicht.

Welche Erkrankung wird zuerst behandelt?

Das hängt von Dringlichkeit, Gefährdung, aktueller Beeinträchtigung und Wechselwirkungen der Behandlungen ab. Eine starre Reihenfolge gibt es nicht.

Muss ich für jede Diagnose ein anderes Medikament nehmen?

Nein. Die Behandlung wird individuell geplant, und eine zusätzliche Diagnose führt nicht automatisch zu einem zusätzlichen Medikament.

Brauche ich bei mehreren Diagnosen mehrere Therapeutinnen oder Therapeuten?

Nicht zwangsläufig. Wichtiger als die Zahl der Behandelnden ist eine koordinierte Behandlung mit klaren Zuständigkeiten.

Warum wurde meine Diagnose im Laufe der Jahre geändert?

Neue Episoden, ein längerer Beobachtungszeitraum, zusätzliche Informationen aus der Kindheit oder körperliche Befunde können die diagnostische Einordnung verändern.

Ist eine zweite Meinung sinnvoll?

Bei widersprüchlichen Diagnosen, unklarer manischer Vorgeschichte oder komplexem Verlauf kann eine zweite fachliche Einschätzung hilfreich sein. Das ist legitim und kein „Diagnose-Shopping“.

Kann ich selbst anhand meiner Symptome entscheiden, ob ich ADHS oder Borderline habe?

Nein. Einzelne Merkmale überschneiden sich stark und erlauben keine zuverlässige Selbstdiagnose. Diese Seite bietet deshalb bewusst keinen Test und keine Auswertung an.

Diagnose und Behandlung im Zusammenhang verstehen

Wer mehrere Diagnosen einordnen möchte, beginnt am besten bei der Diagnostik selbst und arbeitet sich dann zu Verlauf und Behandlung vor.

Außerdem passend: Manie, Hypomanie, Bipolare Depression, Medikamente, Psychotherapie, Alkohol und Substanzen, Schlaf und Tagesrhythmus, Körperliche Gesundheit sowie Hilfe finden.

Zur Abgrenzung von Demenz, Delir und bipolaren Episoden im höheren Lebensalter informiert die Seite Bipolare Störung im Alter.

Quellen und fachliche Grundlage

Alle Vergleichsinhalte dieser Seite sind eigenständig formuliert. Es werden keine diagnostischen Kriterienkataloge als Selbsttest wiedergegeben und keine vereinfachten „Unterschiede auf einen Blick“-Listen als Diagnosehilfe angeboten.

Bipolare Störung
DGBS, AWMF und NICE CG185 (zuletzt 2025 überprüft). Die deutsche bipolarspezifische S3-Leitlinie befindet sich 2026 weiterhin in Überarbeitung; die frühere Fassung wird deshalb hier nicht als uneingeschränkt aktueller deutscher Standard dargestellt.
ADHS
AWMF, gesund.bund.de und NICE. Die deutsche ADHS-S3-Leitlinie ist 2026 in Überarbeitung; im Mai 2026 wurde eine Konsultationsfassung ausgewiesen. Ältere Prävalenz- und Therapieangaben werden nicht unkritisch übernommen.
Angststörungen
AWMF-S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen, NICE sowie qualitätsgesicherte deutsche Gesundheitsinformationen. Der Versionsstand wird jeweils geprüft.
PTBS und Traumafolgen
Aktuelle deutsche S3-Leitlinie zur posttraumatischen Belastungsstörung, veröffentlicht am 27. Februar 2026 mit Gültigkeitsangabe bis Februar 2031, sowie AWMF und DeGPT.
Borderline-Persönlichkeitsstörung
AWMF und DGPPN. Die bisherige S3-Leitlinie war bis Mai 2026 angegeben; seit Juni 2026 ist ihre Überarbeitung registriert.
Zwangsstörungen
Aktuelle AWMF-S3-Leitlinie sowie NICE.
Substanzgebrauchsstörungen
DHS, AWMF, NICE NG58 zur koordinierten Behandlung bei schwerer psychischer Erkrankung und Substanzproblemen sowie gesund.bund.de.
Essstörungen
AWMF-S3-Leitlinie zu Essstörungen und weitere hochwertige deutsche Fachgesellschaften; Gültigkeitsstatus wird jeweils geprüft.
Schizophrenie
Aktuelle deutsche S3-Leitlinie Schizophrenie, 2026 aktualisiert.
Körperliche Differentialdiagnosen
gesund.bund.de, einschlägige Fachleitlinien sowie die Quellenlage der Seite Körperliche Gesundheit auf bipolare.de.
Autor:in: Redaktion bipolare.de
Fachliche Prüfung: Redaktionell geprüft; externe fachliche Prüfung nicht ausgewiesen

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